Man schaut aufeinander, teilt Freud und Leid

Gerd Hönscheid-Gross   3. Dezember 2025  
Bonn – Bad Godesberg

05. November 2025 //

Von Sofia Grillo

Bad Godesberg · Nach der Schließung der Thomaskapelle in Bad Godesberg soll auf dem Areal ein genossenschaftliches Wohnhaus entstehen. Menschen könnten dort bald gemeinsam leben – vom Studenten bis zur pflegebedürftigen Seniorin.

Weg vom Individualismus und wieder hin zu einer Gemeinschaft, Alt und Jung stehen in Kontakt und lernen voneinander. Alles wird miteinander geteilt – das ist die Zukunftsvision für das Mehrgenerationen-Wohnprojekt WohnWerk, das auf dem Gelände der Thomaskapelle an der Kennedyallee entstehen soll. Nun informierten die Thomas-Kirchengemeinde und weitere Verantwortliche über die weiteren Schritte.


Das Wir in den Vordergrund stellen


Nachdem 2023 die alte Thomaskapelle wegen der veralteten Bauten stillgelegt worden ist, überlegte sich die Kirchengemeinde, wie es mit dem Areal, zu dem auch der ehemalige Gemeindekindergarten gehört, weitergehen sollte. „Wir hätten das Gelände für viele Millionen Euro verkaufen können, doch wir wollten etwas machen, dass unserer Aufgabe in der Gemeinschaft gerecht wird, nämlich das Wir in den Vordergrund zu stellen“, erklärte Regina Uhrig, Leiterin des zuständigen Arbeitskreises der Kirchengemeinde. Die Gemeinde entschied sich also, das Gelände in Erbpacht zu geben, um dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die Mühlenbach Wohngenossenschaft hat die Ausschreibung der Thomas-Kirchengemeinde mit seinem Konzept für das Mehrgenerationen-Wohnprojekt WohnWerk für sich entschieden.

Auf dem 4300 Quadratmeter großen Gelände soll nun ein dreigeschossiges Gebäude entstehen. 47 Wohneinheiten sind für etwa 70 Menschen geplant. Darunter fallen 30 Wohnungen unterschiedlicher Größe, die sich in den oberen Stockwerken befinden sollen. 40 Prozent der Wohnungen sollen von Menschen mit einem Wohnberechtigungsschein, also mit geringem Einkommen, bewohnt werden. Im Erdgeschoss ist eine selbstverantwortete Wohn-Pflege-Gemeinschaft mit zehn Appartements für Menschen mit einem hohen Pflegebedarf und eine sogenannte Clusterwohnung für sieben junge Menschen geplant, also Räume für eine Wohngemeinschaft mit Gemeinschaftsküche,
-wohnzimmer und -bädern. Für alle Bewohner des Neubaus sollen zwei Gemeinschaftsräume, zwei Gästezimmer, ein Waschcafé, ein Co-Working-Space, eine Fahrradgarage und ein Gemeinschaftsgarten entstehen. Die Baukosten betragen 14,4 Millionen Euro.


Die Pläne für das Gebäude werden gemeinsam mit dem Architekturbüro Alte Windkunst Herzogenrath erstellt. Die Mitglieder der Mühlenbach Wohngenossenschaft ermöglichten einen Blick auf den Grundriss für das Erdgeschoss des neuen Gebäudes. Anja Wagemann zeigte, dass sich der Neubau an der bisherigen Bebauung des Geländes orientiert. Wo jetzt noch die eingeschossigen, alten Gebäude stehen und zunehmend von Natur und Witterung verwildert sind, sollen zwei Häuser in L-Form gebaut werden, die auf einer Seite zusammentreffen und so einen großen Hauptzugang zum Innenhof bilden. Das soll dort sein, wo derzeit die Thomaskapelle steht. Verbunden werden die beiden L-Bauten mit einem
Laubengang im ersten Stockwerk. Die gegenüberliegende Seite öffnet sich wiederum zur Nachbarschaft. Die Bauten sollen näher an die Kennedyallee heranrücken als bisher. Der alte Bestand wird abgerissen.
Nicht nur der Innenhof soll ein Ort der Begegnung sein. Dadurch, dass die Wohnungen in den oberen Stockwerken durch Laubengänge zu erreichen sind, laufen sich die Nachbarn über den Weg, erklärten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft. Es soll, so Silke Gross aus dem Vorstand der Mühlenbach Wohngenossenschaft, eine Gemeinschaft über Alters-, Einkommens- und Interessensgrenzen hinweg geschaffen werden: „Man kennt sich, schaut aufeinander, teilt Freud und Leid und entlastet sich.“ Derzeit befindet sich das WohnWerk noch in der Projektentwicklungsphase. Bis der Erbpachtvertrag mit der Kirchengemeinde geschlossen wird, soll die Aufbaugruppe des Wohnprojekts noch vergrößert werden.


Mitglieder in die Planung des Projekts einbeziehen


Jedes zusätzliche Mitglied soll bei der Planung helfen. Bislang tun dies 17 Menschen. Sie werden in zehn der 30 Wohnungen einziehen. 20 Wohnungen sind also noch zu vergeben. Bei der Vergabe einer solchen Genossenschaftswohnung soll aber darauf geachtet werden, dass von Jung bis Alt, von Familien mit Kindern bis zu Alleinstehenden eine gute Mischung entsteht. Die Wohn-Pflege-Gemeinschaft wiederum soll als selbstbestimmtes Gremium angelegt werden, bei der alle Bewohner gemeinschaftlich entscheiden. Hinzu kommt für sie ein professionelles Pflege- und Betreuungsangebot. Für die Cluster-Wohnung sucht die Genossenschaft sieben junge Menschen bis 39 Jahren, die Lust am gemeinsamen Planen und Bauen ihrer ganz eigenen Wohngemeinschaft haben.


Finanziert werden soll das Bauprojekt unter anderem durch die Einlagen der Mitglieder der Genossenschaft. Jeder, der eine Wohnung bezieht, zahlt eine Pflichteinlage. Dazu kommen günstige Kredite für das nachhaltige Bauen und die Sozialwohnungen. Zudem hofft die Mühlenbach Wohngenossenschaft auf Finanzierung von externen Förderern. Die Miete – im Fall der Genossenschaft heißt es Nutzungsgeld – wird 14 bis 15 Euro den Quadratmeter betragen. Dadurch, dass WohnWerk aber genossenschaftliches Eigentum aller Mitglieder sein wird, bleibt die Miete dauerhaft stabil.

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Entscheidung Ende September
Das sagt das Presbyterium
Ende September entschied das Presbyterium als Leitungsgremium der Gemeinde nach einem Auswahlverfahren, das Gelände in Erbbaurecht der Mühlenbach Wohngenossenschaft zur Verfügung zu stellen. „Davor lagen zwei Jahre intensiver Vorarbeit, die die Grundlagen geschaffen hatte“, berichtet Vorsitzende Angelika Bockamp. Das Gremium sei dem Votum des entsprechenden Arbeitskreises der Gemeinde einstimmig gefolgt.
„Überzeugt hat uns bei der Bewerbung sowohl das Gestaltungskonzept mit den Vorstellungen für die Nutzung unseres Geländes als auch das solide Finanzierungskonzept“, so Bockamp. Die Genossenschaft habe eine langjährige Erfahrung in der Verwirklichung von Mehrgenerationenprojekten in Bonn vorzuweisen. Eine Gemeindegruppe hatte sich deren Mehrgenerationenprojekt in Vilich-Müldorf, vormals
Villa Emma, angeschaut. Nun könne, die behördlichen Vorgaben vorausgesetzt, in Plittersdorf zeitnah mit dem Bauen begonnen werden, sagt Bockamp.